“Heute, am 23. Mai 1949, beginnt ein neuer Abschnitt in der wechselvollen Geschichte unseres Volkes: Heute wird nach der Unterzeichnung und Verkündung des Grundgesetzes die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eintreten. Wir sind uns alle klar darüber, was das bedeutet. Wer die Jahre seit 1933 bewußt erlebt hat, wer den völligen Zusammenbruch im Jahre 1945 mitgemacht hat, wer bewußt erlebt hat, wie die ganze staatliche Gewalt seit 1945 von den Alliierten übernommen worden ist, der denkt bewegten Herzens daran, daß heute, mit dem Ablauf dieses Tages, das neue Deutschland entsteht.”


Als Konrad Adenauer mit diesen Worten im Parlamentarischen Rat die Unterzeichnung des Grundgesetzes einleitete, wußten sich die meisten Abgeordneten darin einig, daß ihr Werk gelungen war: eine neue Verfassung zu schaffen, die Deutschland eine freiheitliche und friedliche Zukunft sichern sollte.

Das Grundgesetz, das eigentlich nur als Provisorium für ein geteiltes Land gedacht war, wurde zu einem stabilen und dauerhaften Fundament des demokratischen Rechtsstaats. 50 Jahre nach seinem Inkrafttreten gilt es heute als Verfassung des wiedervereinigten Deutschlands in einer Union europäischer Staaten.

Die Wanderausstellung der Bundesrechtsanwaltskammer und der Bundeszentrale für politische Bildung behandelt die Geschichte des Grundgesetzes von seiner Entstehung bis zum Ende des Jahrhunderts: seine Wirkung und Weiterentwicklung, seine Gefährdungen und Bewährungen in enger Verknüpfung mit dem zeithistorischen Kontext.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein chronologischer Rundgang. Er beginnt, nach einem Rückblick auf die ersten Ansätze einer demokratischen Verfassungstradition der Deutschen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Besatzungsherrschaft der Alliierten 1945 sowie dem langsamen Wachsen staatlicher Strukturen. Mit der Schilderung wichtiger Verfassungsdebatten – vor allem im Parlamentarischen Rat – nimmt das Grundgesetz Konturen an.

Die Entwicklung von Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit bis in die Gegenwart wird in beispielhaft ausgewählten Verfassungs–Geschichten illustriert. So schildert die Ausstellung die Debatte um Westintegration und Wiederbewaffnung, die Verbote von KPD und SRP in den 50er Jahren, die Diskussionen um die Verjährung von NS - Verbrechen sowie die Wiedereinstellung nationalsozialistischer Beamter, die SPIEGEL-Affäre, die Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetze und den Paragraphen218 sowie die jüngsten Debatten um das Asyl-Grundrecht und den »Lauschangriff«.

Die Ausstellung macht deutlich, daß die Entwicklung des Grundgesetzes maßgeblich von Bürgerinnen und Bürgern mitbestimmt und vorangetrieben wurde. Indem sie von ihren Grundrechten Gebrauch machten, haben sie die anfangs oft teilnahmslos aufgenommene Verfassung belebt und sich zu eigen gemacht. Das gilt ganz besonders für die Ostdeutschen, die die Geltung der freiheitlichen und demokratischen Verfassung aus eigener Kraft errangen. Der friedlichen Revolution in der DDR und dem Beitritt der neuen Länder zum Grundgesetz ist ein eigener Abschnitt der Ausstellung gewidmet. Der Rundgang endet schließlich mit verschiedenen Aspekten des europäischen Einigungsprozesses und deren Auswirkungen auf das Grundgesetz.

Neben dem chronologischen Rundgang gibt es in der Ausstellung auch thematische Schwerpunktsetzungen: Der Föderalismus, die deutsche Einheit, das Bundesverfassungsgericht und die Gleichberechtigung der Frau werden zeitübergreifend behandelt. Schließlich werden Biographien von einzelnen Frauen und Männern vorgestellt, die in politischen Funktionen oder als einfache Bürger auf das Verfassungsleben der Bundesrepublik eingewirkt haben. Auch werden Anwältinnen und Anwälte gezeigt, die als Mittler zwischen ihren Mandanten und dem Grundgesetz wichtige Verfassungsgerichtsurteile erstritten haben.

Trotz der komplexen Inhalte erschließt sich die Ausstellung schnell und einfach. Die Gestaltung arbeitet mit räumlichen und visuellen Metaphern, die den Besuchern den Zugang zu der Materie erleichtern. Originalobjekte, Dokumente und Installationen vermitteln Stimmungen verschiedener Epochen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Am Rande des gesamten Rundgangs illustrieren großflächige Bilder die Bedeutung wichtiger Grundrechte und Verfassungsprinzipien.